Freitag, 11. Oktober 2013

Ermsleben: 4. Exkursion zum Thema Todesmarsch Ermsleben, Welbsleben

Zu dieser Veranstaltung trifft man sich morgen Samstag um 10 Uhr vor dem Friedhof Ermsleben. In Anwesenheit von Zeitzeugen wird beschrieben, was in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges in unserer Region mit Häftlingen, welche in verschiedenen KZ's der Region arbeiteten passiert ist. In der MZ wurde 2011 der Bericht eines Zeitzeugen publiziert, der Jugendlichen die Vorgänge aus seiner Sicht darlegte.

Vielfach begegnet man solchen Veranstaltungen mit dem Argument, man solle die Dinge ruhen lassen und nicht mehr darin herum wühlen. Wenn es lediglich darum geht, mit Fingern auf Andere zu zeigen, dann finde ich, man würde es gescheiter ruhen lassen. Die heute hier Lebenden, also wir alle, haben mit diesen Vorkommnissen nichts mehr zu tun, die Hauptverantwortlichen wurden damals verurteilt und Sippenhaft gibt es zum Glück bei uns nicht mehr.
 

Es geht also um Wissen, um das nicht Vergessen und nicht Verdrängen. Wie wichtig das sein kann, sei an einem kleinen Beispiel aus meinem Umfeld erklärt: Im Rahmen der Lehrerausbildung hatten wir natürlich auch Lektionen in Geschichte zu erteilen. Als Lehrmittel standen zwei riesige Geschichtsbände zur Verfügung, welche im letzten Kapitel auch die "wehrhafte Schweiz, welche Hitler derart beeindruckt hat, dass er von einem Angriff auf diesen Zwerg abgesehen hat, zu groß wäre der materielle Schaden gewesen" usw. heldenhaft beschrieben.. 

Das war Lehrstoff und diesen Stoff galt es noch in den 70-er Jahren zu vermitteln. Da ein Freund eine Diplomlektion zu diesem Thema aufgebrummt gekriegt hatte, recherchierten wir in Archiven der Staatsbibliothek (damals gab es die schnelle Internetrecherche noch nicht) und stießen dabei auf erstaunliche Tatsachen: Nächtliches Durchfahrtsrecht für Güter- und Truppentransporte auf dem Schweizer Schienennetz von Deutschland nach Italien, die "Erfindung des Judensterns", die gesamte "das Boot ist voll" Doktrin mit der Konsequenz, dass da Zurückgewiesene in den sicheren Tod geschickt wurden. Dazu der sichere Hort für Nazi-Gold und -vermögen.  All das waren die Zugeständnisse, welche die Regierung zu machen hatte und tatsächlich einging, um mit einer hoffnungslos veraltet ausgerüsteten Armee nicht unter die Räder zu kommen.

Der Methodiklehrer (seines Zeichens Brigadier in der Schweizer Armee) und zuständig für besagte Diplomlektion, zerriss die Vorbereitungen meines Freundes in der Luft und teilte ihm mit, entweder halte er sich an das Lehrbuch und sonst sei es dies dann gewesen mit seiner Diplomierung... Mit Eltern darüber zu sprechen, gestaltete sich genau so schwierig, die wollten nichts davon wissen. 

1972/73 Grundausbildung in der Armee. Natürlich dieselben Heldengeschichten, aber da war es dann doch schon so, dass man den Instruktoren Paroli zu bieten begann, auf die Realitäten verwies, dies mit der Konsequenz, dass man bezüglich einer weiteren militärische Karriere als eher ungeeignet eingestuft wurde, was uns aber eh gelegen kam. Immerhin, es wurde ein Thema, dass die damalige Politik der Schweiz dieser den schweren Vorwurf der Allierten eingetragen hatte, mit ihrem Verhalten den zweiten Weltkrieg unnötig um entscheidende Monate verlängert zu haben.

Die damals "rote" Wochenzeitung (woz) begann in Ausschnitten , diese Kapitel aufzuarbeiten, wurde als kommunistisches Hetzblatt niedergeschrieen und mit juristischen Verfahren eingedeckt, (welche allesamt eingestellt wurden) und es dauerte bis in die 90-er Jahre, als die US-Regierung im Zusammenhang mit NAZI-Gold in der Schweiz und herrenlosen Vermögen wirtschaftlich einen derartigen Druck aufsetzte, dass die ganze Geschichte wieder ins Rollen kam, diesmal gründlich...und nun wurden auch die Geschichtsbücher umgeschrieben....

Wissen und diesem verpflichtet zu handeln, ist der bessere Weg, als wissend in der Unwissenheit zu verharren und Augen und Ohren zu verschließen. Das haben meine Freunde und ich damals gelernt und in den darauf folgenden Jahren auch gelehrt. Wir sind nicht schlecht gefahren damit.

In diesem Sinne nehme ich interessiert an der Veranstaltung teil:
Friedhof Ermsleben, 10 Uhr.
..und es empfiehlt sich wohl wetterfeste Kleidung:-)


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